Whittington und seine Katze I



Während der Herrschaft des berühmten Königs Eduard III. gab es einen kleinen Jungen, der hieß Dick Whittington. Sein Vater und seine Mutter waren gestorben, als er sehr klein war, so dass er sich überhaupt nicht an sie erinnerte, und er blieb als kleiner zerlumpter Kerl zurück, der sich in einem Dorf auf dem Land herumtrieb. Weil der arme Dick nicht groß genug war, um arbeiten zu können, war er übel dran; zum Mittagessen hatte er nur wenig und zum Frühstück manchmal gar nichts, denn die Leute, die in dem Dorf lebten, waren wirklich sehr arm und hatten für ihn nicht mehr übrig als Kartoffelschalen und ab und zu eine harte Brotkruste.

Bei all dem war Dick Whittington ein sehr pfiffiger Junge, und immer passte er auf, worüber die Leute redeten. Am Sonntag trachtete er danach, in die Nähe der Bauern zu kommen, wenn sie, bevor der Pfarrer kam, auf den Grabsteinen im Kirchhof saßen und sich unterhielten. Und einmal in der Woche konnte man den kleinen Dick am Wegweiser vor dem Dorfwirtshaus lehnen sehen, dort hielten die Leute an, um etwas zu trinken, wenn sie von der nächsten Marktstadt kamen. Und wenn die Ladentür des Barbiers offen war, lauschte Dick all den Neuigkeiten, die die Kunden einander erzählten.

Auf diese Art erfuhr Dick sehr viele höchst merkwürdige Dinge über die große Stadt, die man London nannte, denn die törichten Landleute jener Zeit meinten, die Menschen in London seien alle feine Herren und Damen, und den ganzen Tag lang gäbe es da nur Singen und Musizieren, und die Straßen seien alle mit Gold gepflastert.

Eines Tages, als Dick am Wegweiser stand, fuhr durch das Dorf ein großer Wagen mit acht Pferden davor, die hatten alle Schellen am Kopfgeschirr. Er dachte, dieser Wagen müsse zu der schönen Stadt London fahren, deshalb fasste er Mut und bat den Fuhrmann, ihn neben dem Wagen mitlaufen zu lassen. Sobald der Fuhrmann hörte, dass der arme Dick weder Vater noch Mutter hatte, und an seinen zerlumpten Kleidern sah, dass er gar nicht übler dran sein konnte, da sagte er ihm, er könne mitkommen, und so machten sie sich zusammen auf den Weg.

Ich konnte nicht herausfinden, wie der kleine Dick es fertig brachte, unterwegs etwas zu essen und zu trinken zu bekommen, und auch nicht, wie er so weit gehen konnte, denn es war ein langer Weg. Und ich weiß auch nicht, wie er es am Abend mit dem Schlafplatz machte. Vielleicht gaben ihm gutmütige Leute in den Städten, durch die er kam, etwas zu essen, wenn sie sahen, dass er ein armer kleiner zerlumpter Junge war. Und vielleicht ließ ihn der Fuhrmann am Abend in den Wagen kriechen und auf einer der Kisten oder einem der großen Pakete im Wagen ein Schläfchen machen. Jedenfalls gelangte Dick sicher nach London, und er hatte es so eilig, die schönen golden gepflasterten Straßen zu sehen, dass er sich, fürchte ich, nicht einmal lange genug aufhielt, um dem freundlichen Fuhrmann zu danken. Er lief weg, so schnell ihn die Beine tragen wollten, lief durch viele Straßen und meinte, jeden Augenblick müsse er in jene kommen, die mit Gold gepflastert waren. Dick hatte nämlich dreimal ein Goldstück in seinem eigenen kleinen Dorf gesehen, und er erinnerte sich daran, wie viel Geld das gab, wenn man es wechselte, darum dachte er, er habe nichts anderes zu tun, als einige kleine Stückchen vom Pflaster aufzunehmen, und dann hätte er so viel Geld, als er sich nur wünschen könne.

Der arme Dick lief, bis er müde war, und er hatte seinen Freund, den Fuhrmann, ganz vergessen. Schließlich merkte er aber, dass es dunkel wurde und dass überall, wohin er sich wandte, nur Schmutz anstelle von Gold zu sehen war. Da setzte er sich in einem dunklen Winkel nieder und weinte sich in den Schlaf. Der kleine Dick war die ganze Nacht auf der Straße. Und am andern Morgen stand er hungrig auf und ging umher und wen er traf, den bat er, ihm einen Kupferpfennig zu geben, damit er nicht verhungern müsse. Aber niemand hielt sich mit ihm auf, und nur zwei oder drei Leute gaben ihm einen Kupferpfennig, und so war der arme Junge bald ganz matt und schwach, weil er nichts zu essen hatte.

Schließlich bemerkte ein gutmütig aussehender Herr, wie hungrig er dreinschaute. “Warum suchst du dir keine Arbeit, mein Junge?” sagte er zu Dick. “Das möchte ich gern, aber ich weiß nicht, wie ich eine finden kann”, antwortete Dick. “Wenn du willst, kannst du mit mir kommen”, sagte der Herr und nahm ihn mit zu einer Wiese, auf der Heu gemacht wurde, und da arbeitete Dick frisch drauflos, und es ging ihm gut, solange das Heuen dauerte.

Danach war er so übel dran wie zuvor, und als er wieder fast verhungert war, legte er sich an der Tür von Herrn Fitzwarren nieder, der war ein reicher Kaufmann. Da sah ihn bald die alte Küchenmagd, die war eine übellaunige Person, und sie war da zufällig gerade sehr damit beschäftigt, das Essen für ihre Herrschaft herzurichten. So schrie sie den armen Dick an: “Was hast du da zu suchen, du fauler Bengel? Nichts wie Bettler gibt’s da. Wenn du dich nicht fortscherst, wollen wir doch sehen, wie dir ein Guss Spülwasser gefällt, ich hab da welches, das ist heiß genug, um dich springen zu lassen.”

Gerade in diesem Augenblick kam Herr Fitzwarren selbst nach Hause zum Essen, und als er da einen schmutzigen, zerlumpten Jungen vor der Tür liegen sah, sagte er zu ihm: “Junge, warum liegst du da? Du scheinst alt genug zu sein zum Arbeiten; ich fürchte, du hast es mit der Faulheit.” – “Nein, wirklich nicht, Herr”, sagte Dick zu ihm, “so ist es nicht, denn ich möchte von Herzen gern arbeiten, aber ich kenne niemanden und ich glaube, ich bin sehr krank, weil ich nichts zu essen hatte.” – “Steh auf, armer Kerl, lass sehen, was dir fehlt.” Nun versuchte Dick sich zu erheben, aber er musste sich wieder legen, denn er war zu schwach zum Stehen, weil er seit drei Tagen gar nichts zu essen gehabt hatte, und er war nicht mehr imstande, umherzulaufen und von den Leuten auf der Straße einen Kupferpfennig zu erbitten. Da ließ ihn der freundliche Kaufmann ins Haus bringen und ihm ein gutes Essen geben. Und er behielt ihn für alle Schmutzarbeit, die er für die Köchin tun konnte.

Dick hätte in dieser guten Familie recht glücklich leben können, wäre nicht die übellaunige Köchin gewesen, der konnte er nichts recht machen, und sie schalt ihn vom Morgen bis zum Abend. Und außerdem klopfte sie sehr gern, und wenn sie kein Fleisch zu klopfen hatte, dann klopfte sie den Kopf und den Rücken des armen Dick mit dem Besen oder was immer ihr sonst zufällig in die Hände kam. Schließlich erzählte man Alice, der Tochter von Herrn Fitzwarren, wie schlecht sie Dick behandelte, und die sagte der Köchin, sie würde entlassen, wenn sie nicht freundlicher zu ihm wäre.

Nun wurde die üble Laune der Köchin ein wenig gebessert, aber Dick musste noch mit einem anderen Ungemach fertig werden. Sein Bett stand in einer Dachkammer, und in der gab es so viele Löcher im Boden und in den Wänden, dass er in jeder Nacht von Ratten und Mäusen geplagt wurde. Fürs Schuhe putzen hatte nun ein Herr Dick einen Groschen gegeben, und er dachte, damit könne er sich eine Katze kaufen. Am nächsten Tag sah er ein Mädchen mit einer Katze, die fragte er, ob sie ihm die Katze für einen Groschen überließe. Das Mädchen sagte, das wolle sie, und erzählte ihm auch, dass die Katze ein sehr guter Mausefänger sei. Dick verbarg die Katze in der Dachkammer und trachtete immer danach, einen Teil seines Essens für sie mitzubringen. Und nach kurzer Zeit hatte er mit den Ratten und Mäusen keinen Ärger mehr und schlief jede Nacht fest und gut.

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sing scho | am 15. Dezember 2010 um 05:14 Uhr

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